Brisantes Thema: „Die Messlatte hängt sehr hoch“

Deutscher Verband folgt mit der Nicht-Ausreizung der Championats-Quote der einhundertjährigen Philosophie des DOKR

Novum bei der diesjährigen Europameisterschaft in Österreich: Erstmals in der Geschichte des deutschen Voltigiersports wurde bei einem Championat nicht die gesamte Quote an Einzelvoltigier-Teilnehmern ausgeschöpft. Nur jeweils zwei – anstatt der drei möglichen – Kandidaten durften in Ebreichsdorf für ihr Land um die Medaillen kämpfen. Die Verwunderung in der heimischen Voltigierszene war groß.

Auch im Online-Portal des Magazins „Der Voltigierzirkel“ wurde heftig über die erstmalige Reduzierung diskutiert. Ein Gerücht machte schnell die Runde: Ausschließlich finanzielle Gründe seien für die Einschnitte verantwortlich. „Das ist falsch“, sagt Dr. Dennis Peiler. Der FN-Geschäftsführer Sport und Geschäftsführer des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) – der selbst bis 2009 eine hoch erfolgreiche Voltigierlaufbahn absolvierte – verweist auf die Philosophie des Verbandes: „Das Ziel des DOKR ist es, in allen Disziplinen Medaillen zu gewinnen. Das ist unser Anspruch.“

Im Übrigen keine Neuheit: Die 1913 gegründete Institution, die sich um den Spitzenreit- und -fahrsport kümmert und für diesen optimale Voraussetzungen zur Vorbereitung auf Championate schaffen will, hat die Maxime des maximalen Erfolgs schon seit Anbeginn im Grundsatz. Als 1912 bei den ersten Olympischen Reiterspielen in Stockholm die deutschen Offiziere dreimal Silber und einmal Bronze nach Hause brachten, war Kaiser Wilhelms Sohn Kronprinz Wilhelm – ein großer Freund des Pferdesports – wenig begeistert. „Das muss besser werden“, sagte er sinngemäß in Hinblick auf die Olympischen Spiele 1916 vor heimischem Publikum in Berlin, bei denen er deutsche Sieger sehen wollte. Er lud einige hochrangige Herren der Pferdeszene zu einer Besprechung ins Berliner Kronprinzenpalais ein. Ziel war die Gründung des „Komitees für die Kämpfe zu Pferde bei den Olympischen Spielen zu Berlin 1916”. Dieses Gremium war der Vorläufer des heutigen Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) in Warendorf.
Übertragen auf die heutige Zeit formuliert es Diplom-Sportwissenschaftler Dennis Peiler wie folgt: „Was wir nicht wollen, ist ein Championats-Tourismus.“ Heißt im Klartext: Wer nicht als heißer Kandidat auf die vordersten fünf Ränge gilt und damit dem Leistungsstand eines Weltklasse-Athleten entspricht, wird sein Land auch künftig nicht auf einem Championat vertreten dürfen, auch wenn er im nationalen Vergleich womöglich ganz vorn dabei ist. „Die Messlatte hängt sehr hoch“, sagt Bundestrainerin Ulla Ramge. „Das Rechnen bei den Wettkämpfen hört auf, denn es gilt nicht allein, seine Gegner zu schlagen, um sich qualifizieren zu können“, ergänzt Disziplintrainer Kai Vorberg, der sich dadurch auch einen neuen Ansatz für die Motivation der Athleten erhofft.

2012 war die nicht komplette Ausreizung der Quote im Übrigen erstmals im Gespräch. Ulla Ramge setzte sich jedoch dafür ein, den Voltigierern die neue Gangart – die beispielsweise beim Fahren oder dem Distanzreiten schon praktiziert wird – erst auf den Kaderlehrgängen und Aktiventreffen erläutern zu können. 2013 war nun das Jahr der Umsetzung. „Ich war erstaunt, dass bei den Aktiven die Verwunderung bei der Nominierung in Aachen dennoch zunächst groß war“, sagt die 50-Jährige.

Die aktuelle Lage ist dabei auch der weltweiten Entwicklung des Voltigiersports geschuldet. In früheren Jahren war Deutschland die Nation Nummer eins in der Pferdeakrobatik und holte teilweise sogar alle drei Medaillen eines Wettbewerbs – beispielsweise bei der EM 1984 in Ebreichsdorf mit Dietmar Otto, Markus Böhler und Dirk Pflitzner oder 2005 bei der EM in Italien mit Kai Vorberg, Jan Beyer und Gero Meyer. Doch die anderen Nationen haben inzwischen kräftig auf- und teilweise überholt. „Bis in die Neunziger Jahre hinein war ja fast die spannendste Frage, welcher Deutsche sich Gold abholen darf“, formuliert Ulla Ramge überspitzt. „Das deutsche Abo auf Gold gibt es aber einfach nicht mehr. Jede Medaille muss immer wieder neu mühevoll erarbeitet werden“, sagt Peiler, der klarstellt, dass die Philosophie auch in den kommenden Jahren verfolgt wird. „Die Entscheidung ist von Jahr zu Jahr von den einzelnen Leistungen abhängig“, unterstreicht Kai Vorberg.

Dass jungen Sportlern die Chance auf das Sammeln wertvoller Erfahrungen genommen wird, lassen Ramge und Vorberg im Übrigen nicht als Gegenargument gelten. „Jungen Sportlern, bei denen Perspektive gesehen wird, werden wir zum Championat schicken“, sagt Vorberg. Ergo gab es 2013 in den Augen des Trainergespanns keine Aktiven dieser Kategorie, die dem erforderlichen Leistungsstand entsprachen. Für Alexander Hartl, Trainer der ersten Mannschaft des VV Ingelsberg und der Einzelvoltigiererin Regina Burgmayr (die aufgrund der reduzierten Quote nicht zur EM fahren durfte), ist das Konzept ein zweischneidiges Schwert. „Ich kann die Gangart des Verbandes auf der einen Seite sehr gut nachvollziehen. Allerdings empfinde ich die Reduzierung der Quote in Hinblick auf die Weltreiterspiele in der Normandie im nächsten Jahr als ein falsches Signal im internationalen Vergleich. Da wird den Aktiven, die nach meinen Erfahrungen auf Championaten immer für Überraschungen sorgen können, für die Zukunft vielleicht etwas verbaut“, sagt der FN-Voltigiermeister.

Text & Fotos: Daniel Kaiser

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