Voltigieren und Olympia? –

„Der Wunsch allein reicht nicht aus“

Interview: FN-Geschäftsführer Sport, DOKR-Geschäftsführer, Chef de Mission der reiterlichen Olympiamannschaft in London und Ex-Voltigierer Dr. Dennis Peiler (34) über die Chancen der Pferdeakrobatik, im Zirkel der Ringe aufgenommen zu werden.

CHIO Aachen 2012Warendorf. Auf die Frage, welche weitere Pferdesportdisziplin künftig ins olympische Programm aufgenommen werden solle, antwortete Prinzessin Haya einmal: „Das Voltigieren.“ Bei Jochen Schilfarth – internationaler Richter und bis zum vergangenen Jahr Vorsitzender des FEI-Fachausschusses – erkundigt sich die FEI-Präsidentin seither regelmäßig nach den aktuellen internationalen Aktivenzahlen. Jung, modern und dennoch historisch – die Pferdeakrobaten entsprechen augenscheinlich der Philosophie der medienwirksamsten Sportwettkampfveranstaltung der Welt. Doch haben die Voltigierer tatsächlich eine Chance, sprichwörtlich im Zirkel der Ringe aufgenommen zu werden? Es wäre eine Renaissance nach 1920 in Antwerpen, als „Kunstreiten“ zum offiziellen Programm gehörte, und 1972, als die Pferdeakrobaten bei einer Schauvorführung in München ebenfalls olympisches Lüftchen schnuppern durften. Voltigierservice.de sprach mit FN-Sport-Geschäftsführer Dr. Dennis Peiler (33). Der Sportfunktionär hat den Blick fürs große Ganze. 1999 holte der promovierte Sportwissenschaftler aus Hamm den Deutschen Meistertitel im Herren-Einzelvoltigieren. 2012 begleitete er die reiterliche Olympia-Equipe als Chef de Mission nach London.

Frage: FEI-Präsidentin Haya sähe den Voltigiersport gern im Olympischen Programm. Haben Sie das gewusst?

Dennis Peiler: Selbstverständlich. Ihr Bekenntnis stammt aus einer Zeit, in der ich selbst noch aktiv war. Ich habe mir den Ausschnitt des Interviews damals ausgeschnitten und abgeheftet.

1999 waren Sie Deutscher Meister, 2007 Fünfter bei den Europameisterschaften. Sie hätten in ihrer Blütezeit gute Chancen auf eine Teilnahme gehabt …

Das sind Spekulationen. Fakt ist: Als Aktiver war es mein größter Wunsch, einmal an Olympischen Spielen teilnehmen zu dürfen. Die Gegebenheiten haben das leider nicht zugelassen. Aber ich wünsche meinen Nachfolgern, dass sie irgendwann als Athleten die heiligen Stätten betreten dürfen.

Stichwort “Heilige Stätten”. In diese durften Sie kürzlich in London in hochoffizieller Funktion ihren Fuß setzen. Ein Ersatz für das Verpasste?

Als Pressesprecher war ich bereits 2008 in Hongkong dabei. In London hatte ich dann die Gesamtverantwortung für die Reiter. Das war nochmal etwas ganz anderes. In gewisser Weise habe ich mir meinen persönlichen Olympia-Traum erfüllen können. Es waren gigantische Erlebnisse. Als Athlet fühlt es sich sicherlich noch anders an. Die Eindrücke eines Aktiven kann diese Position natürlich nicht ersetzen.

Mal weg von Gefühlen und hin zu den Tatsachen. Wo steht der Voltigiersport aktuell?

Die Disziplin ist auf dem richtigen Weg. Seit dem ersten Championat Mitte der 80er Jahre (1984, EM in Österreich, Anm. d. Red.) verzeichnet der Sport die rasanteste Entwicklung aller Pferdesport-Disziplinen. Aktuell haben wir knapp 10.000 Wettkampfvoltigierer in Deutschland, das ist unter den Pferdesportlern Rang vier,. Die Zahl der nicht erfassten Voltigierer außerhalb des Wettkampfsports ist um ein Vielfaches höher. Das kann sich sehen lassen.

Wie haben die Voltigierer das geschafft?

Ein Quantensprung waren die Weltreiterspiele in Aachen und die Integration in den CHIO. Ebenso die Teilung in Jugendleistungssport und Leistungssport im Jahr 2005. Mit der Einführung der Masterclass-Serie und der damit verbundenen Angliederung an hochkarätige Reitsportturniere wie zum Beispiel in Stuttgart, Leipzig, Wiesbaden, München und natürlich Aachen folgte ein weiterer Sprung nach vorn. Einzelne Persönlichkeiten wie Nadia Zülow und Kai Vorberg trieben den Bekanntheitsgrad mit zahlreichen Auftritten und Shows voran. Als sehr positiven Trend bewerte ich die erhöhte Wertigkeit der Pferdenote (aktuell bei 25 Prozent) und separate Richter für diesen Bereich. Das steigerte die Akzeptanz enorm.

Ist das Voltigieren mittlerweile “erwachsen” geworden?

Es ist auf dem besten Weg. Voltigieren hatte lange Zeit ausschließlich das Image als Kindersport und Einstieg zum Reiten. Das hat sich geändert.

Was denken den die Reiter über die Kollegen in hautengen Anzügen.

Das muss man einen Reiter direkt fragen. Fakt ist, dass der Voltigierer an sich als Vorbild in Sachen Athletik und Fitness gilt.

Wie sieht es mit den dazugehörigen Pferden aus?

Dort sehe ich noch Reserven. Auch hier gab es einen großen Schritt in die richtige Richtung. Aber die Qualität der Pferde muss noch besser werden.

Bundestrainerin Ulla Ramge und zahlreiche internationale Unterstützer und Fans setzen sich für eine Olympia-Bewerbung ein. Hat das Unterfangen eine Chance?

Der Wunsch allein reicht nicht aus. Voltigieren ist nun einmal nur ein kleiner Teil vom großen Ganzen. Jede Sportart muss sich den offiziellen Kriterien des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) stellen. Und diese sind bisher nicht komplett erfüllt.

Woran scheitert es?

Ein großes Manko ist die fehlende Internationalität. Das IOC macht ganz klare Vorgaben, fordert zum Beispiel im Weltverband registrierte Wettstreiter aus 75 Länder bei Männersportarten. Da muss der Voltigiersport deutlich globaler werden.

Voltigieren wird derzeit vor allem in Europa und in kleinen Teilen der USA hochprofessionell betrieben. Wird schon expandiert?

Ich weiß, dass Weltmeister Patric Looser (SUI) derzeit regelmäßig für Shows nach China reist. In Asien und insbesondere in China wird sich der Pferdesport insgesamt in den kommenden Jahren entwickeln. Auch Voltigier-Ikone Christoph Lensing (dreifacher Welt- und Europameister) ist weltweit auf Werbetour für den Voltigiersport unterwegs. In Südafrika wird mittlerweile – teils auch dank deutscher Ausbilder – auf durchaus Ernst zu nehmendem Niveau geturnt. Ebenfalls in Australien.

Laut FEI-Statistik sind derzeit 1259 Voltigierer aus 29 Nationen registriert. Eine Frauendisziplin verlangt nur 40 Länder. Wäre das machbar?

Ich denke, dieses Ziel ist noch ein ganzes Stück entfernt. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.

Ist das der einzige Punkt? Auch die Dressur kommt derzeit nur auf 73 Länder …

Es gibt weitere strukturelle Hemnisse. Nach meinem Kenntnisstand ist das olympische Sommerprogramm bereits schlichtweg voll. Und da sind wir mit den drei Disziplinen Springen, Dressur und Vielseitigkeit sehr gut aufgestellt. Früher hatte auch ich nur den Blick des Voltigierers. Mittlerweile kann und muss ich über den Tellerrand hinausblicken. Aber aus FN-Sicht kann ich die klare Bekenntnis geben: Wenn wir als Deutscher Verband die Chancen sehen, das weitere FEI-Pferdesportdisziplinen ins Olympia-Repertoire aufgenommen werden können, dann werden wir natürlich alles daran setzen, um das zu unterstützen.

Derzeit wird viel über die Aufteilung der Pferde in den einzelnen Disziplinen diskutiert. 200 Tiere sind insgesamt zugelassen. Was halten sie vom Vorschlag Ulla Ramges, jeweils 50 Pferde für Springen, Dressur, Vielseitigkeit und Voltigieren aufzunehmen?

Wie bereits angesprochen, kann ich den Wunsch, dass das Voltigieren olympisch werden soll, gut nachvollziehen. Es ist aber viel zu früh, sich über solche Detailfragen Gedanken zu machen. Es gibt klare IOC-Kriterien zur Aufnahme einer Sportart in das olympische Programm und die müssen ersteinmal erfüllt sein.

Was spricht ihrer Meinung nach für eine Aufnahme des Voltigierens?

In erster Linie das Gesamtbild der Sportart. Das Leistungsniveau ist schon olympisch. Zudem gelingt dem Voltigieren wie nur wenigen Sportarten die Verbindung zwischen Antike und Moderne. Die Disziplin versteht es, beides auf einzigartige Weise zu verbinden.

Coubertin hat einst gesagt, die “Jugend der Welt” solle sich im Rahmen der Spiele zum friedlichen Wettstreit treffen.

Das trifft auf den Voltigiersport voll zu.

Wann wird der erste Voltigier-Olympiasieger gekürt?

Wenn ich das wüsste …

Text & Fotos: Daniel Kaiser

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