WEG Tryon: Voltigierer brechen alle Rekorde

Dreimal Gold, zweimal Silber, zweimal Bronze – deutsche Adler schweben auf Erfolgswelle

Tryon. Dieses Championat geht für die deutschen Voltigierer in die Geschichte ein. Mit insgesamt sieben Medaillen sorgen die Pferdeakrobaten um Bundestrainerin Ulla Ramge und Disziplintrainer Kai Vorberg für einen historischen Triumph. Denn dreimal Gold (Team Köln-Dünnwald, Kristina Boe und Sieg im Nationenpreis) sowie jeweils zweimal Silber (Jannik Heiland und Janika Derks) und Bronze (Thomas Brüsewitz und das Pas-de-Deux Janika Derks/Johannes Kay) gab es bei Weltreiterspielen noch nie für die Vertreter des Bundesadlers.

Wirklich vergleichen darf man das quantitative Resultat mit vorherigen „World Equestrian Games“ natürlich eigentlich nicht – denn mit der neu ins Leben gerufenen Nationenwertung hatten die Pferdeakrobaten in diesem Jahr erstmals eine zusätzliche Chance auf Edelmetall. Hintergrund: Die Veranstaltung sollte mit einer frühen Medaillenentscheidung am zweiten Wettkampftag attraktiver gemacht werden. Dafür starteten jeweils von den Nationaltrainern ausgewählte Einzelathleten mit dem Team in einer eigenen Wertung. Resümee: Funktionierte hervorragend und erzielte die erhoffte Wirkung des Attraktivitätszugewinns. Befürchtungen, die nicht im Nationenpreis startenden Voltigierer könnten benachteiligt sein, bestätigten sich nach allgemeinem Tenor nicht. Gelungene Premiere also –insbesonders aus schwarz-rot-goldener Sicht. Kristina Boe, Jannik Heiland und das Team Norka aus Köln-Dünnwald ließen die Fans zwar im einen oder anderen Moment zittern. Vor allem Boe kam während ihrer risikoreichen Kür mehrfach aus der Balance. Am Ende stand jedoch ein souveräner Sieg zu Buche für das norddeutsch-rheinländische Gespann. Nach einem fehlerfreien Auftritt von Heiland zog die Mannschaft mit einer an Höchstschwierigkeiten, originellen Übungen und sportlichen Höhepunkten gezeichneten Kür zum Thema „Die Unfassbaren“ nach und besiegelte mit ihrem Pferd Danny Boy und Longenführer Patric Looser die historische Goldmedaille. In der Summe kassierten die Deutschen 26,502 Punkte – womit sie die Vertreter aus der Schweiz (25,833) sowie Österreich (25,71) auf die Medaillenränge verwiesen.

Am darauffolgenden Wettkampftag fiel die Entscheidung im Pas-de-Deux. Und hier erlebten die Fans den zweifelsohne hochkarätigsten Wettkampf, der jemals in dieser Disziplin ausgetragen wurde. Zu erkennen bereits an der Tatsache, dass gleich drei Paarungen mit einer Wertung von über neun Punkten aus dem ersten Umlauf ins Finale gingen. Die deutschen Vertreter hatten am Ende das Nachsehen. Janika Derks und Johannes Kay vom RSV Neuss-Grimlinghausen zeigten nach Ansicht vieler Aktiven und Insider die wohl athletischste, spektakulärste und risikoreichste Darbietung zum Thema „Energie“. Dafür kassierten die 28-jährige Physiotherapeutin und ihr 23-jähriger Partner sehr hohe technische und artistische Wertungen. Dark Beluga jedoch – der zusätzlich zum Pas-de-Deux auch im Einzel für Heiland antrat – zeigte sich an diesem Tag an der Longe von Barbara Rosiny etwas müde und erhielt folgerichtig geringere Wertungen als am Vortag, was insgesamt für 8,872 Punkte reichte. Die amtierenden Europameister Silvia Stopazzini und Lorenzo Lupacchini zogen schließlich mit 9,027 Punkten an den Neussern vorbei. Als letzte Teilnehmer gingen die Serien-Championatssieger Jasmin Lindner und Lukas Wacha aus Österreich an den Start. Den Vertretern aus der Alpenrepublik unterlief gleich beim Aufgang ein folgenschwerer Fehler, der ihnen bei ihrem letzten Wettkampf ihrer Karriere die Goldmedaille kostete (9,013). Rang vier (8,707) ging an die CHIO-Aachen-Sieger Torben Jacobs und Theresa-Sophie Bresch aus Köln.

Nach einem Ruhetag für die Voltigierer folgten schließlich die Finals in den drei ausstehenden Wettbewerben. Zunächst erfüllte sich Kristina Boe ihren lang ersehnten Traum. Obwohl sie keinen der vier Durchgänge gewinnen konnte, stand sie am Ende auf dem obersten Podest. Die 30-Jährige Unfallchirurgin aus dem Hamburger Süden, die vor zwei Jahren WM-Silber holte, vergangenes Jahr den EM-Titel und 2018 bereits das Weltcup-Finale gewonnen hatte, voltigierte mit ihrem Pferd Don de la Mar und Longenführerin Winnie Schlüter in der Summe zu 8,388 Punkten – das war der knappe Sieg vor ihrer Teamkollegin Janika Derks aus Dormagen (8,374) und der Österreicherin Lisa Wild (8,363) und zugleich der erste Weltmeistertitel für eine deutsche Einzelvoltigiererin nach zehn Jahren (2008, Nicola Ströh). Sarah Kay aus Münster voltigierte auf Rang vier.
Bei den Herren machte Lambert LeClezio das Rennen. Der Ausnahmeathlet, der vor zwei Jahren bereits für Mauritius Weltmeister wurde und im Anschluss die französische Staatsbürgerschaft annahm, verwies alle drei deutschen Vertreter mit insgesamt 8,744 Punkten auf die weiteren Plätze. Über Silber freute sich Jannik Heiland aus Wulfsen (8,606). Bronze ging an Thomas Brüsewitz (8,533), der die Pflicht zum Auftakt gewonnen hatte. Platz vier belegte Weltcup-Sieger Jannis Drewell aus Steinhagen, der damit erstmals bei einem Championat ohne Medaille blieb. „Wir haben mit Lambert Leclezio einen würdigen Weltmeister. Was er abgeliefert hat, war klasse. Aber ich bin auch stolz, dass wir es ihm schwer gemacht haben“, sagte Ramge.

Den glanzvollen Schlusspunkt des Tages setzten Thomas Brüsewitz, Torben Jacobs, Jana Zelesny, Chiara Congia, Justin van Gerven und Corinna Knauf vom Team Norka des VV Köln-Dünwald. Mit dem bewährten Duo, bestehend aus dem Wallach Danny Boy OLD und Longeführer Patric Looser, zeigten sie eine fehlerfreie Kür. Mit einer Gesamtnote von 8,638 siegte die Gruppe vor der Schweiz (8,433) und Österreich (8,198). „Für uns bedeutet diese Medaille die Welt“, freute sich Torben Jacobs. Ebenso ging es Looser: „Es ist verrückt. Wir haben Geschichte geschrieben mit dem Sieg im Nationenpreis und jetzt hier mit der Gruppe. Alle haben einen fantastischen Job gemacht und wir konnten es einfach nur genießen.“